Erinnerungen an mein erstmaliges Gefängnis

von Li Bifeng

15. Juni 1998, sonnig nach einem Schauer

Immer dann nach dem Abendessen kam Liao Yiwu zu mir und lud mich zu einem gemeinsamen Spaziergang ein. Wir liefen um den kleinen Hof im Kreis herum. Es gab keine bestimmten Themen und wir redeten nur um zu reden. So waren unsere Gespräche stets lässig und gelassen. Aber es gab auch mühevolle Momente. Denn Liao Yiwu ist ein scharfsinniger Mensch. Somit muss man im Gespräch oftmals sehr vorsichtig sein. Bei einem Prinzip bin ich geblieben, dass ich keinen Wortwechsel zu Menschen suche, die streitsüchtig sind. Continue reading

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Tagebuch im Gefängnis: Die Waffen der Mücken

von Li Bifeng

12. Juni 1998, sonnig

Wer hat die Waffen der Mücken erfunden? Hier erlebe ich eine gewaltige Attacke der Mücken wie noch nie in meinem Leben. Die Hände und die Füße finden keinen Deckschutz. In einer leeren Gefängniszelle ist jeglicher Schutz ausweglos. Mutwillig fliegende Mücken attackieren uns so, dass wir wie Ratten durcheinander herum huschen. Aber wir finden keinen Ausweg. Sind es die Mücken, die uns stechen und unser Blut brennend gern saugen? Oder sind wir es selber, die freiwillig die Mücken stechen und unser Blut saugen lassen? Oder gibt es eine andere Kraft in uns, dass wir gegenüber den Mücken keine Wehr setzen?

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Unsere Augen sind zwei trockene Brunnen

von Li Bifeng

Augen – diese zwei trockene Brunnen
Tief in den verwirrten Blicken
verbarg einmal fruchtbare Schlämme
Die Sämlinge der Liebe wurden
durch das Feuer der Tränen ausgebrannt
Auf dem Jenseits der Trauer wohnen wir
Über die hohe Mauer sehen wir
die Sonne aus der Ferne und
die Berge aus der Ferne
In den nächtlichen Träumen sehen wir
die Menschen aus der Ferne
Mit dem Netz der Sehnsucht retten wir
vereinzelte Erinnerungen und dann lassen wir
die Knochen in den Knochen wachsen.

In diesem Land dürfen wir nur im Winterschlaf bleiben

四川省第三監獄部分六四政治犯合影

四川省第三監獄部分六四政治犯合影

von Li Bifeng

Aber der Winter ist zu früh gekommen
Unsere Bäume beginnen zu trocknen
Wir haben keine Nährstoffe mehr
So werden unsere Haare von dem Schnee der Jahre
eingefroren und vergraut
Unsere Haut sieht aus wie ein Feld voller Risse

Der Winter ist da
Wir fallen gerne in den Winterschlaf
Das Herz ist müde
Das Blut auch
Unterm Schnee bleiben wir im Winterschlaf