Tagebuch im Gefängnis: Die Waffen der Mücken

von Li Bifeng

12. Juni 1998, sonnig

Wer hat die Waffen der Mücken erfunden? Hier erlebe ich eine gewaltige Attacke der Mücken wie noch nie in meinem Leben. Die Hände und die Füße finden keinen Deckschutz. In einer leeren Gefängniszelle ist jeglicher Schutz ausweglos. Mutwillig fliegende Mücken attackieren uns so, dass wir wie Ratten durcheinander herum huschen. Aber wir finden keinen Ausweg. Sind es die Mücken, die uns stechen und unser Blut brennend gern saugen? Oder sind wir es selber, die freiwillig die Mücken stechen und unser Blut saugen lassen? Oder gibt es eine andere Kraft in uns, dass wir gegenüber den Mücken keine Wehr setzen?

Eine Reihe von Fragen, die seit der Existenz des Gefängnisses schon von den Gefangenen gestellt wurden. Wer kann eine Antwort auf diese Fragen geben? Jeder, der hinter Gittern sitzt und ein noch wachsames Gehirn hat, weiß es, dass diese Fragen idiotisch sind. Denn ein Gefangener hat kein Recht zu verlangen, sich selbst zu schützen. Selbst gegenüber einer winzigen Mücke kann ein Gefangener keine Gegenwehr leisten.

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