Erinnerungen an mein erstmaliges Gefängnis

von Li Bifeng

15. Juni 1998, sonnig nach einem Schauer

Immer dann nach dem Abendessen kam Liao Yiwu zu mir und lud mich zu einem gemeinsamen Spaziergang ein. Wir liefen um den kleinen Hof im Kreis herum. Es gab keine bestimmten Themen und wir redeten nur um zu reden. So waren unsere Gespräche stets lässig und gelassen. Aber es gab auch mühevolle Momente. Denn Liao Yiwu ist ein scharfsinniger Mensch. Somit muss man im Gespräch oftmals sehr vorsichtig sein. Bei einem Prinzip bin ich geblieben, dass ich keinen Wortwechsel zu Menschen suche, die streitsüchtig sind. Egal was er sagte, schilderte ich überhaupt keine Ansichten oder Gegenmeinungen. Vielleicht ist Liao Yiwu ein Genie. Er versuchte mir alles zu verkaufen, fast so wie damals die Briten das Opium an die Chinesen verkauft hatten. Der Deal zwischen dem Verkäufer und dem Empfänger ist unfair. Natürlich sind Liao und ich Freunde. Ich sollte nicht über das Verhältnis zwischen uns so kommentieren. Dass es mir jetzt einfällt, liegt daran, dass ich in der Tat über die Art des menschlichen überschwemmten Verlangens sehr überrascht bin. Liao ist ein unbestreitbarer Freund von mir. Aber warum erschien diese Ungleichheit immer dann, wenn wir uns damals miteinander austauschten? Das Phänomen ist ähnlich wie die Realität hier im Gefängnis. Die Gefangenen sind zwischen Jungenalter bis etwa über zwanzig Jahre alt. Der Wunsch zum Geschlechtsverkehr lässt sich nicht im Schlafsaal realisieren. Deshalb wählen die meisten Gefangenen die Masturbation, um sich zu befriedigen. Wenn ein Genie eingesperrt ist, finden seine Gedanken nirgends einen Ventil. Sobald er eine Gelegenheit sieht, wird er sicherlich alles verschütten. Egal ob die anderen Menschen es akzeptieren. Das erinnert mich an das Leben von Mao Zedong. Auch wenn das Leben während des langen Marschs sehr hart war, machte er Liebe andauernd mit He Zizhen. Das führte zu einer Reihe von Abtreibungen. Erst nachdem er in Yan’an angekommen war, schrieb er eine Reihe von Schriften. Das ist eine Art der Ausscheidung der Wünsche. Die Ausscheidung hat auch Auswirkungen auf den Ausscheidungsprozess. Ein Gefangener, der sexuell ausgehungert ist, träumt von den Objekten eines anderen Geschlechts oder der sexuellen Organe. Was sind dann die “Samen” eines Genies? Es sind die Gedanken, die Heterosexualität, die im menschlichen kollektiven Unbewusstsein verbirgt. Vielleicht während der bärtige Liao seinen geistigen Orgasmus erreichte, habe ich mir zwangsläufig viele Samen seiner Gedanken geholt.

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